In Branchenübersichten taucht die Glücksspielwirtschaft selten auf, obwohl sie mehr Umsatz macht als manch klassischer Industriezweig. Wer sich für Automatenbau, Zahlungstechnik oder Compliance interessiert, findet hier Arbeitgeber, die kaum jemand auf dem Schirm hat.
14,4 Milliarden Euro Bruttospielertrag, sieben Milliarden davon für den Staat
Der legale deutsche Markt kam 2024 auf ein Bruttospielertragsvolumen von etwa 14,4 Mrd. Euro, terrestrisch und online zusammengerechnet. Das steht im Tätigkeitsbericht der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder. Der Bruttospielertrag entspricht dabei den Verlusten der Spielenden, nicht dem Einsatzvolumen.
Rund sieben Mrd. Euro davon flossen als Steuern und Abgaben an den Staat. Auf die von der GGL regulierten Anbieter entfielen etwa vier Mrd. Euro, also 28 % des erlaubten Marktes. Der weitaus größere Teil hängt weiter an Spielhallen, Spielbanken, Lotterien und stationären Wettbüros.
Ein Teil des Marktes gehört dabei dem Staat selbst. Die Lotteriegesellschaften der Länder, darunter Westlotto in Münster als größte, und die staatlichen oder staatlich konzessionierten Spielbanken sind Arbeitgeber wie jedes andere Unternehmen, mit Tarifbindung und öffentlichem Eigentümer im Hintergrund. Wer eine Karriere in der Branche plant, sollte diesen Unterschied kennen, denn Bewerbungsverfahren und Vertragsbedingungen unterscheiden sich deutlich von denen privater Anbieter.
Von Espelkamp bis Wien reicht die Wertschöpfungskette
Der größte deutsche Anbieter sitzt in Ostwestfalen. Die Merkur Group, bis 2024 unter dem Namen Gauselmann geführt, hat ihren Sitz in Espelkamp und Lübbecke und erwartet nach Berichten der Neuen Westfälischen einen Konzernumsatz um 2,3 Mrd. Euro, wovon elf Prozent auf das Onlinegeschäft entfallen. Allein die Entwicklungs- und Produktionstochter adp Merkur beschäftigt nach Unternehmensangaben rund 1.200 Menschen. Der schärfste Wettbewerber ist die österreichische Novomatic, in Deutschland über Löwen Entertainment in Bingen am Rhein präsent.
Automatenbau ist Maschinenbau mit Elektronik, Gehäusefertigung, Software und Servicelogistik. Das erklärt, warum diese Unternehmen in strukturschwachen Regionen zu den größten Arbeitgebern zählen und dort um dieselben Fachkräfte konkurrieren wie der Rest der Industrie.
Ein zweiter Strang der Kette sind Zahlungsdienstleister. Der Prepaid-Anbieter paysafecard entstand im März 2000 in Wien und gehört seit 2015 zur Londoner Paysafe Group, verkauft wird das Guthaben über mehr als 650.000 Annahmestellen in rund 50 Ländern. Dass Zahlungen mit Paysafecard in Online Casinos möglich sind, deckt nur einen Ausschnitt des Geschäfts ab. Der Rest verteilt sich auf Games, Streaming und Telefonie.
Welche Berufe die Branche tatsächlich sucht
Das Bild vom Croupier prägt die Vorstellung, trifft aber nur einen kleinen Teil der Beschäftigten. Gefragt sind Softwareentwicklerinnen und Entwickler für Spiel- und Kassensysteme, Techniker für Aufstellung und Wartung, Datenanalysten und Personal in der Buchhaltung.
Dazu kommt ein Bereich, den es in dieser Form vor der Regulierung nicht gab. Geldwäscheprävention, Spielerschutz und Aufsichtsmeldungen sind eigene Abteilungen mit eigenen Stellenprofilen. Wer aus Bankwesen oder Versicherung kommt, bringt dafür oft mehr mit als jemand aus der Unterhaltungsbranche. Ein Blick auf die Anforderungen an Fachkräfte und Ausbildung zeigt schnell, wie ähnlich die Profile denen in anderen regulierten Sektoren sind.
Für den Saalbetrieb gilt eine Besonderheit. Croupier ist kein anerkannter Ausbildungsberuf, die Spielbanken schulen ihren Nachwuchs selbst und stellen dafür regelmäßig Quereinsteiger ein. Wer die interne Schulung besteht, arbeitet danach in einem Beruf, für den es keinen Abschluss gibt, den man anderswo vorzeigen könnte. Das macht den Einstieg leicht und den Wechsel in andere Branchen schwer.
Regulierung erzeugt eigene technische Anforderungen
Die GGL erlaubt und überwacht virtuelle Automatenspiele, Online-Poker, Sportwetten und Pferdewetten. Tischspiele wie Roulette und Blackjack fallen dagegen in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer. Zwei Behördenebenen für ein Produkt, das der Kunde als eine Sache wahrnimmt.
Für Entwicklerteams sind die Vorgaben sehr konkret. Höchstens ein Euro Einsatz pro Spin, mindestens fünf Sekunden Pause zwischen zwei Spielrunden, kein Autoplay und keine progressiven Jackpots. Das monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro gilt anbieterübergreifend und wird über das zentrale System LUGAS abgeglichen, die Sperrdatei OASIS läuft parallel. Wer solche Schnittstellen baut, arbeitet näher an einem Meldesystem als an einem Spiel.
Was der Einstieg voraussetzt
Für die meisten technischen Rollen zählt die normale Qualifikation aus Ausbildung oder Studium. Der Unterschied liegt in der Zuverlässigkeitsprüfung. Wer in sensiblen Bereichen arbeitet, braucht ein einwandfreies Führungszeugnis, und in Spielbanken sowie Spielhallen kommt Schichtdienst an Wochenenden dazu.
Quereinstiege sind trotzdem üblich, weil die Branche klein ist und intern ausbildet. Wer noch unsicher ist, welche Richtung überhaupt passt, kann mit unserem Berufstest vorsortieren und die Ergebnisse dann auf regulierte Branchen übertragen.
Wo die Branche unter Druck steht
Der Gegenwind kommt von der Konkurrenz ohne Erlaubnis. Die GGL schätzt den Anteil des illegalen Angebots am Online-Glücksspiel auf etwa 25 %. Diese Anbieter zahlen keine deutschen Steuern, halten keine Limits ein und binden trotzdem Umsatz, der den regulierten Unternehmen fehlt.
Für Beschäftigte hat das eine unangenehme Nebenwirkung. Jede Verschärfung trifft zuerst die Unternehmen, die sich ohnehin an die Regeln halten. Wer in dieser Branche arbeitet, sollte die Rechtslage deshalb mitverfolgen, sie ändert sich schneller als in den meisten Industriezweigen. Glücksspiel ist in Deutschland ab 18 Jahren erlaubt, Hilfe bei problematischem Spielverhalten gibt es unter der Nummer 0800 1 372 700 der BZgA.